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Ist die Welt
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Gegenwärtig halten viele Wissenschaftler und Philosophen folgende Annahmen für zwingend:

Letztlich können wir weder wissen, warum überhaupt etwas ist und nicht nichts, noch was das, was ist, eigentlich ist.

Bei der Untersuchung der Frage, woraus die Welt besteht, sind wir ausschließlich auf Mathematik ange­wiesen; die Entitäten selbst, deren Beziehungen durch die mathe­matischen Formalismen beschrieben werden, sind für uns vollständig unbegreifbar. Beispiele für diese Unbegreiflichkeit sind etwa Welle-Teilchen-Dualismus oder nichtlokale Zusammenhänge, d.h. Zusammenhänge, die durch keinen physikalischen Prozess vermittelt werden.

Was wir zu wissen glauben, ist in jedem Fall eine Konstruktion unseres Gehirns; Was uns als Bild von der Welt und von uns selbst erscheint, ist das Resultat der Interaktion unserer Neurone. Die Wirklichkeit selbst ist uns nicht zugänglich.

Wir sind zwar überzeugt, dass unser Verstand, unsere Gefühle und unser Wille die Agenzien unserer Handlungen sind, tatsächlich aber wird das, was wir tun, vollständig durch unsere Neurone festgelegt.

Ich hingegen meine, dass alle diese Annahmen bloß Ausdruck für die Unzulänglichkeit der onto­logischen Grundlagen der Naturwissenschaft sind, und dass Folgendes gilt:

Sowohl die Frage, warum etwas ist, als auch die Frage, was es ist, können beantwortet werden.

Alle physikalischen Begriffe lassen sich auf eine einsichtige geometrische Basis zurückführen. Dabei verschwinden alle Absurditäten, wie „Wellenteilchen“ oder „Nicht-Lokalität“.

Wir sind unmittelbar mit der Wirklichkeit verbunden. Deshalb erkennen wir die Wirklichkeit so, wie sie ist.

Die Selbständigkeit des Geistes – und damit zugleich die Existenz des freien Willens – kann auf rein naturwissenschaftlich-formale Weise abgeleitet werden.

Diese Behauptungen werden in den verschiedenen Arbeiten auf den Seiten Physik und Philosophie erklärt und begründet. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse findet sich in der Einleitung.

Physikalischer Standpunkt

Warum ist Newtons Gravitationstheorie, die einfach, schön und ungeheuer erfolgreich war, schließlich doch durch eine bessere Theorie abgelöst worden? Nicht wegen einiger weniger Anomalien. Der Grund war ontologische Unstimmigkeit: Eine Kraft, die von einer Masse ausgehend ohne physikalische Vermittlung über den leeren Raum hinaus reichend auf eine andere Masse ausgeübt wird, ist unmöglich. Das war es, was Einstein zu seiner revolutionären Theorie motivierte.

Diese Unstimmigkeit wurde zu Beginn klar erkannt. Im Lauf der Zeit trat sie aber in den Hintergrund: Die ontologischen Einwände wurden durch den Erfolg der Theorie zurückgedrängt, obgleich sie vollkommen zwingend und daher, wie sich zuletzt erwies, auch richtig waren und schließlich zum Ausgangspunkt der besseren Theorie wurden.

Alle gegenwärtigen physikalischen Theorien beinhalten ontologische Unstimmigkeiten. Ebenso wie im Fall der Newton’schen Gravitationstheorie sollten sie als Leitlinien künftiger Theoriebildung dienen. Dieses Potenzial konnte aber bis jetzt nicht genutzt werden, weil in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dogmatisch entschieden wurde, dass eine Erkenntnisgrenze erreicht sei und Begriffsbildungen zur genaueren Bestimmung der Wirklichkeit deshalb ausgeschlossen wären. Die Diskussion darüber gilt seither als erledigt. Es ist naheliegend, das Scheitern der Versuche, die Grundlagen der Physik über das Standardmodell hinaus weiter zu entwickeln, auf die prohibitive Wirkung dieses Dogmas zurückzuführen: Philosophische Reflexion kann durch eine rein formale Vorgangsweise nicht ersetzt werden.

Ein Beispiel: Eine seit langem bestehende ontologische Unstimmigkeit sind die nichtlokalen (d.h. außerhalb des Lichtkegels des auslösenden Ereignisses stattfindenden) Effekte der Quantentheorie, auf die Einstein, Podolsky und Rosen 1935 hingewiesen haben. Die Aufdeckung der Nichtlokalität war von den Autoren als Nachweis der Unvollständigkeit der QT gedacht. Jahrzehnte später ermöglichte aber die Bellsche Ungleichung die experimentelle Widerlegung dieses Versuchs von EPR, Nichtlokalität als Argument gegen die QT einzusetzen.

Es lässt sich jedoch zeigen, dass Bells Widerlegung der Lokalitätsannahme nur unter den spezifischen Bedingungen des Modells gilt, das EPR vorgeschlagen haben. Die meisten Physiker halten diese Widerlegung jedoch für allgemein gültig. Sie schließen daraus, dass die Realität unter keinen Umständen durch Theorien mit ausschließlich lokalen Parametern beschrieben werden kann.

Die Grundannahme von EPR ist, dass die Messungen an Objekten vorgenommen werden, deren Eigenschaften unabhängig von der Messung existieren. Diese Annahme ist zugleich eine notwendige Bedingung für die Widerlegung des EPR-Modells: Nur unter dieser Voraussetzung ist die Bellsche Ungleichung ableitbar.

Gibt es überhaupt andere Möglichkeiten? Entgegen allgemeiner Überzeugung ist die Antwort Ja. Nehmen wir z.B. für ein Experiment mit verschränkten Photonen an, dass nicht der diskrete, sondern der stetige Aspekt des Lichts die unstetigen Übergänge zwischen Elektronenzuständen verursacht, die wir als das Erscheinen von „Photonen“ interpretieren – fassen wir also diese Übergänge als Ergebnis eines stetigen Akkumulationsprozesses der Intensität von Lichtwellen auf, dann ist die für die Ableitung der Ungleichung notwendige Voraussetzung nicht erfüllt: Vor der Messung existieren dann weder die „Messobjekte“ Photonen noch deren „Eigenschaften“. Die Eigenschaften, die tatsächlich existieren, sind die Polarisationsrichtungen der Lichtwellen, deren Akkumulation den Übergang bewirkt – das sind aber nicht Eigenschaften der Messobjekte (der „Photonen“). Die Messobjekte entstehen – ebenso wie ihre Eigenschaften – erst durch den Versuchsablauf.

Konsequenter Weise führt der Versuch, die QT-Voraussagen für Messungen an verschränkten Photonen aus diesen Modellannahmen auf strikt lokale Weise abzuleiten, dann auch auf einfache und einsichtige Weise zum Erfolg, wie hier gezeigt wird.

Wenn in einem stetigen Wellenmodell die Lokalität wiederhergestellt werden kann, dann ist der naheliegende nächste Schritt, den Welle-Teilchen-Dualismus selbst als ontologisch widersprüchlich aufzufassen. (Was könnte er auch sonst sein?)

Diese Widersprüchlichkeit war anfangs nicht offenbar. Als Einstein sein mechanisches Stoßmodell des Lichtelektrischen Effekts präsentierte, dachte er an Teilchen, die in Wellen eingebettet sind und die die ganze Energie und den Impuls mit sich führen – das ist genau der objektive Dualismus, der auch die Basis der EPR-Argumentation bildet. Erst später zeigte sich, dass eben diese Voraussetzung den Beweis der Nichtlokalität ermöglicht. Dadurch wurde klar, dass es sich bei den QT-Phänomenen nicht um Teilchen innerhalb von Wellen handelt, sondern um irgendetwas, das die Charakteristika von beiden aufweist. Als solches ist es aber undenkbar und erfüllt somit sicher die Definition ontologischer Widersprüchlichkeit.

So ist es also nur folgerichtig und zwingend, dass der Lichtelektrische Effekt, der ja den Ausgangspunkt des Welle-Teilchen-Dualismus darstellt, sich nicht nur als mechanischer Stoß von Teilchen, sondern genauso – und zwar völlig voraussetzungslos – als reines Wellenphänomen darstellen lässt. (Siehe hier.)

Dieses äußerst klare und einfache Ergebnis führt nun seinerseits zu Vermutungen über eine notwendige Korrektur unseres Verständnisses der letzten Grundlagen der Physik, wie sie seit Newton unumstößlich erscheinen:

Teilchen und Wechselwirkungen gelten als selbstverständliche Basis der Naturbeschreibung. Wenn sich aber fundamentale ontologische Widersprüche dadurch eliminieren lassen, dass wir – wie im Fall des EPR-Paradoxons und beim Lichtelektrischen Effekt – stetige Prozesse (Wellen) als Ursache der Phänomene annehmen, auch wenn die Phänomene selbst nur in diskreter Abfolge beobachtet werden können, dann erscheint die Folgerung notwendig, dass Teilchen keine fundamentalen Bestandteile der physikalischen Realität sind, sondern als stationäre Zustände von stetigen Prozessen bzw. als Übergänge zwischen solchen Zuständen aufgefasst werden müssen (hier nachzulesen).

Das, was die Modelle beschreiben, deren sich die Physik von Galilei an bis heute bedient, ist dann nicht der letzte, ursächliche Grund der Wirklichkeit. Diese letztlich mechanischen Modelle werden dadurch natürlich nicht falsch – sie führen aber irgendwann zu unsinnigen Begriffsbildungen und in weiterer Folge zum Scheitern in theoretischen Sackgassen.

Weitere ontologische Unstimmigkeiten finden sich in der Speziellen Relativitätstheorie: Die Frage, was eigentlich das aufeinander abgestimmte Vergehen der Zeit in beliebig weit voneinander entfernten Systemen vermittelt – es muss dasselbe sein, was im Fall der Lichtwellen schwingt – ist im bisherigen Begriffsrahmen nicht zu beantworten. Aber auch die Tatsache der Relativität selbst – so selbstverständlich sie aus der Idee ableitbar scheint, dass gegen den Raum keine Bewegung behauptet werden kann – ist in diesem Rahmen nicht durchführbar. Ich will aber auf dieses Problem jetzt nicht weiter eingehen. Es wird hier ausführlicher dargestellt. Anzumerken ist jedenfalls, dass die Beseitigung der ontologischen Widersprüche und Unvollständigkeiten der SR zu demselben Schluss führt wie im Fall der QT: zur Annahme von Wellen als Basis der Wirklichkeit.

Der Versuch, die erforderliche neue Basis der Physik aus philosophischen Argumenten abzuleiten, wird hier unternommen. Die Ergebnisse sind vielversprechend. Physik wird auf Metrik und Dynamik der Raumzeit zurückgeführt; Gravitation und Elektromagnetismus erscheinen als Ausdrucksformen eines einzigen Gesetzes, und physikalische Begriffe und Zusammenhänge können durch metrisch-dynamische Sachverhalte begründet werden.

Die kürzeste Version des soeben skizzierten Standpunkts lautet wie folgt:

Ontologische Unstimmigkeiten sind wichtige Leitlinien physikalischer Theoriebildung. Ihre Beseitigung weist auf eine stetige Basis der Wirklichkeit hin. Der Versuch, die physikalische Weltbeschreibung auf Ontologie zu gründen, führt wiederum zu derselben Basis. Sie scheint als Grundlage einer metrisch-dynamischen Vereinheitlichung der Physik geeignet.

Die Physik wird solchermaßen zum Gleichnis für die allgemeine kulturelle Entwicklung: Einerseits zeigt sich, dass das Projekt Naturphilosophie auf genau die Weise weitergeführt werden kann, die ihm von der Aufklärung zugedacht war: als Erkenntnis der Natur – im Gegensatz zur bloß formalen Beschreibung –, und zwar mit einem Maß an Verständnis, das im mechanistischen Rahmen unmöglich gewesen wäre, und dass ein Teil des dafür notwendigen Wissens längst in den physikalischen Formalismen enthalten ist; Andererseits findet diese Entwicklung aber nicht statt, weil das Wissen unter einer veralteten, zu eng gewordenen Interpretation verborgen bleibt.

Dies ist vergleichbar damit, wie Politik und Kunst durch ein Korsett aus scheinbar unauflösbaren gesellschaft­lichen Strukturen, unabwendbaren Sachzwängen und kaum hinterfragten Maßstäben zur Produktion von Unsinn verdammt scheinen, obwohl die geistigen und materiellen Ressourcen ihnen ermöglichen würden, ihre Aufgaben auf vernünftige Weise in einem Maß zu erfüllen, das früher undenkbar gewesen wäre.

Philosophischer Standpunkt

Wie kann die Entwicklung, die zu diesem Ende geführt hat, charakterisiert werden und was ist ihre Ursache?

Wie immer bei dem Versuch, eine solche Frage zu beantworten, ist ein gewisses Maß an Willkür damit verbunden, aus dem Strom aller miteinander verknüpften und sich gegenseitig beeinflussenden historischen Prozesse einen einzigen herauszugreifen und als Ursache für wesentliche Charakteristika des Folgenden zu benennen. Im vorliegenden Fall der Frage nach dem Niedergang unserer Kultur folgt die Entwicklung aller kulturellen Bereiche allerdings so klar einem bestimmten Modell, dass diese Willkür gering erscheint.

Was die christlich-abendländische Kultur von anderen Kulturen unterscheidet, ist das Ausmaß der Trennung von Subjekt und Objekt. Wo sind die historischen Wurzeln dieser Trennung zu suchen?

Zweifellos in jener Spaltung, die dem Christentum zutiefst eingeschrieben ist: der Spaltung zwischen Geist und Körper. Um nicht vom rechten Weg abzukommen, muss ein Christ seine menschliche Natur – seinen sündigen Leib – fortwährend überwachen; der Leib wird damit zum Objekt. Diese Denkfigur, die zugleich eine Grundfigur christlicher Befindlichkeit darstellt, wird durch das zentrale christliche Symbol ausgedrückt: Christus am Kreuz, der sich für unsere Erlösung von der Erbsünde opfert.

Die zentrale Stellung, die die aggressive, kontrollierende Beziehung zum Leib im christlichen Denken und besonders in der christlichen Erziehung einnimmt, führt dazu, dass sie zum allgemeinen Modell für das Verhalten in Beziehungen wird. Damit ist auch die notwendige Voraussetzung für die eindringliche Befragung der Natur – für Naturwissenschaft – gegeben. Geeignete politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen vorausgesetzt, kann sich eine Technologie entwickeln, die es ermöglicht, die Natur zunehmend zu beherrschen – wie das ja tatsächlich seit der Spätrenaissance der Fall war.

Der Ablauf folgt einer zwingenden inneren Logik:

Alles, wozu wir in irgendeiner Beziehung stehen, wird aus der Einheit dieser Beziehung herausgehoben, als Objekt betrachtet und zum Gegenstand eingehender Untersuchung gemacht.

Dies ist das erste Stadium: Objektivierung.

Untersuchung des Objekts bedeutet: Bestimmung seiner inneren Struktur und des Verhältnisses, in dem es zu uns steht.

Das zweite Stadium ist also: Funktionalisierung.

Objekte sind nützlich oder unnütz, angenehm oder unangenehm. Deshalb ist die Bestimmung der Funktion von Objekten niemals neutral: es ist eine Funktion für uns. So ergibt sich mit Notwendigkeit

das dritte Stadium: Optimierung.

Kein Objekt ist aber durch seinen Nutzen für uns vollständig bestimmt. Jedes Objekt hat unabhängig von uns in vielen Zusammenhängen Bedeutung und – wenn es lebendig ist – seine eigene Bedeutung in ihm selbst, seinen Eigensinn, der bei der Optimierung missachtet wird. Deshalb wird aus Optimierung unweigerlich

das vierte Stadium: Ausbeutung.

Schließlich – falls das Objekt ohne Rücksicht auf das, was es selbst ist, weiter optimiert wird – folgt

das fünfte und letzte Stadium: Vernichtung.

Vernichtung meint hier aber nicht physische Auslöschung – obwohl dies die Folge sein kann – sondern die vollständig vollzogene Reduktion des Objekts auf das, was als sein Nutzen für uns bestimmt worden ist.

Dieser Prozess ist allumfassend. Er gilt für spezifische Objekte wie etwa Nutztiere, genauso aber auch für allgemeine Objekte wie Malerei und Musik, er vollzieht sich an der Natur und an Menschen – buchstäblich alles wird zum Objekt gemacht und diesem fünfstufigen Prozess unterworfen.

Die Zerstörung der Objekte ist aber nur eine Seite des Prozesses. Da das Subjekt der Kultur sich nur in seinen Beziehungen zu den kulturellen Objekten bilden kann, bedeutet die Vernichtung der Objekte auch das Verschwinden des kulturellen Subjekts.

Sinn ist das Erfüllen des inneren Gesetzes, das aus den Objektbeziehungen erwächst, durch die die verschiedenen Schichten der Identität geformt werden. Bedeutung ist, was im Nachvollzug jener historisch gewachsenen und tradierten Ausdrucks- und Auslegungssysteme erlebt werden kann, durch die diese Beziehungen gestaltet sind. Deshalb werden zugleich mit den Objekten auch die Kategorien Sinn und Bedeutung zerstört. (Um diesen Verlust zu illustrieren, vergleiche man etwa ein spätes Selbstporträt von Rembrandt mit dem Schwarzen Quadrat von Malewitsch.)

Was bleibt nach dem Verfall dieser Kategorien noch übrig? Nur diejenigen Motive, die mit der biologischen Schicht unserer Identität in enger Verbindung stehen. Mit anderen Worten: Der Katalog von Werten und Zielen wird auf nur drei Elemente reduziert: auf Geld, Macht und Lust.

Aus etlichen weiteren charakteristischen Begleiterscheinungen des beschriebenen Destruktionsprozesses will ich nur noch zwei herausgreifen, die mit besonders wichtig erscheinen.

1. Das Wissen, das sich ständig vermehrt, verdrängt die mythischen und religiösen Erklärungen. Die Heils­erwartung, die zuvor an die Religion gerichtet war, geht auf die Wissenschaft über. Diese Erwartung muss jedoch enttäuscht werden: Außer in der Mathematik (und – in einem gewissen Ausmaß – in der Physik) gibt es keine Letztbegründungen, nur Argumente. Es gibt kein Heil.

2. Der Ersetzung der Beziehung zu einem Objekt durch dessen bloße Ausbeutung führt zur Verwechslung der dieser Ausbeutung zugrunde liegenden Beschreibung des Objekts mit dem Objekt selbst. Dies ist deshalb so fatal, weil keine Beschreibung je an die Komplexität der Wirklichkeit heranreichen kann. Falls die virtuelle Welt je mit der wirklichen verwechselt werden kann, dann nicht deshalb, weil sie dieser tatsächlich gleichkäme, sondern weil der Begriff von der Welt so verarmt ist, dass die Unterscheidung zwischen Klötzchen und Bäumen oder zwischen emotional agents und Menschen verschwindet.

Eine Folge der Verwechslung von Objekt und Beschreibung ist die seltsame Hybris, die alle wissenschaftlichen Modetrends begleitet: Obwohl schon auf einer niedrigen Stufe der Einsicht klar ist, dass das Wissen und die technischen Möglichkeiten äußerst begrenzt sind, wähnen sich die Protagonisten in jedem Fall der vollständigen Machbarkeit nahe. Dieser Wahn war ein Charakteristikum der künstlichen Intelligenz – die keine ihrer Prophezeiungen auch nur annähernd einlöste, genauso wie er sich jetzt bei der Genetik und bei der Hirnforschung zeigt.

Allerdings wäre das Bild dieses historischen Prozesses, den ich Erste Aufklärung nenne, unvollständig, wenn nicht auch das tatsächliche enorme Anwachsen des Wissens und seiner technologischen Umsetzung Beachtung fände.

Kann dieses Wissen nicht der eben dargestellten kulturellen und intellektuellen Verwüstung entgegenwirken und uns vor dem Untergang retten?

Damit kommen wir zur Idee der Zweiten Aufklärung. Anders als andere Propheten des Untergangs der Aufklärung glaube ich nicht, dass die Vernunft ihre Selbstzerstörung in sich trägt. Das, was eben skizziert wurde, kann nicht Vernunft genannt werden. Es mag zwar sein, dass der erste Höhenflug der Naturwissenschaft, für den sich Denken und Experiment verbinden mussten, nur aus dem gespaltenen Sein hervorgehen konnte und dass ihm deshalb schon von Anfang an sein Untergang eingeschrieben war, aber daraus folgt nicht, dass dies für jede Art des rationalen Umgangs mit der Welt gilt.

Vielmehr geht doch aus der bisherigen Analyse hervor, dass Aufklärung und Naturwissenschaft ihr eigenes Korrektiv schaffen. Wir wissen eigentlich längst, dass die Ausbeutung der Objekte letztlich nicht unserem Nutzen dient. Wir haben erfahren, dass wir außerstande sind, komplexe Naturabläufe zu modellieren – wie sich z.B. gerade jetzt bei der Klimaforschung zeigt, die sich selbst permanent korrigieren muss. Oder, um einen anderen aktuellen Bezug herzustellen: eigentlich ist völlig klar, dass die Idee einer genetischen Verbesserung des Menschen eine lächerliche Schimäre ist. Wollten wir etwa versuchen, Intelligenz genetisch zu konstruieren, dann wüssten wir weder, was zu konstruieren wäre – wir sind nicht imstande, Intelligenz neuronal zu definieren, noch wüssten wir, selbst wenn das Ziel vorgegeben wäre, wie wir es erreichen könnten. Wie die meisten Eigenschaften ist auch Intelligenz mit Sicherheit das Ergebnis des komplexen, vielfach rückkoppelnden Zusammenwirkens zahlreicher Gene, das weder formal beschreibbar noch statistisch analysierbar ist.

Allgemein gesprochen: Es ist längst klar, dass das Projekt Naturwissenschaft – trotz all seiner Großartigkeit – begrenzt ist und dass unser ausschließlich darauf bezogenes Weltverständnis nur scheinbar rational ist. (Um Missverständnissen vorzubeugen: ich denke hier aber nicht an einen Rückgriff auf völlig irrationale Systeme wie Religion oder Esoterik.) Die gewohnten Denk- und Verhaltensstrukturen sind aber so rigide, dass dieses Wissen nicht wirksam wird.

Zweite Aufklärung bedeutet nichts anderes als die Integration dieses Wissens und eine entsprechende Korrektur unseres Verhaltens.

Die technische Seite der Begrenzung wurde soeben an Beispielen demonstriert. Wichtiger ist aber eine prinzipielle Begrenzung, die nun kurz skizziert werden soll.

Ein zentrales Element des naturwissenschaftlichen Paradigmas ist die Vollständigkeits­annahme. Damit ist Folgendes gemeint: Alles, was geschieht, ist aus Anfangsbedingungen und Naturgesetzen ableitbar.

Diese Annahme scheint selbstverständlich – ebenso wie die Überzeugung der Mathematiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass die Vollständigkeit formaler Systeme bald bewiesen sein würde; – bis dann Kurt Gödel das Gegenteil bewies: formale Systeme, die die Arithmetik beinhalten, sind notwendig unvollständig.

Gemäß der Vollständigkeitshypothese der Naturwissenschaft entsprechen alle Zustände der Natur Aussagen eines Systems aus Axiomen und Regeln (das sind eben die Anfangs­bedingungen und Naturgesetze).

Die Natur produziert permanent neue Zustände, die wiederum solchen Aussagen entsprechen. Die Frage ist nun: Sind alle diese Aussagen innerhalb des Systems ableitbar, oder gibt es unentscheidbare Aussagen, also solche Gödelscher Art?

Ich argumentiere hier und hier dafür, dass die Natur keinesfalls zahm genug ist, um sich nur innerhalb der Grenzen eines von uns vorgegebenen Systems aufzuhalten, sondern dass sie – infolge ihrer Entfaltung zu immer höherer Komplexität – Zustände erzeugt, die bezüglich jedes möglichen Systems aus Axiomen und Regeln Gödel-Aussagen entsprechen, d.h. dass sie bezüglich des Systems unentscheidbar sind und mit den Mitteln des Systems nicht abgeleitet werden können. (Um die Argumentation überschaubar zu halten, habe ich sie nur für psychische Phänomene durchgeführt; sie lässt sich aber auf andere Bereiche wie etwa die Evolution übertragen.)

Dies bedeutet eine nicht bloß technische, sondern eine fundamentale Grenze der Naturwissenschaft:

Jede Beschreibung der Natur durch ein beliebiges vorgegebenes, aus Axiomen und Regeln bestehendes System ist unvollständig.

Damit sind psychische Phänomene selbst, aber auch alles, was durch Menschen gestaltet ist, der natur­wissenschaftlichen Beschreibung entzogen; Verschiedene Aspekte können durchaus naturwissen­schaftlich erfasst werden, das Wesen solcher Phänomene ist aber nicht Gegenstand der Naturwissenschaft.

Auf diese Weise findet die Zweite Aufklärung ihre metaphysische Begründung: der Mensch wird (wieder) unverfügbar, sein Verständnis als Objekt ist nicht nur unzureichend, sondern wesentlich falsch. Dasselbe gilt, abhängig vom Komplexitätsgrad, auch für andere Objekte (die durch diese Analyse im Grunde ihren Objekt-Status verlieren; ihr Eigensinn hat nun seine ontologische Bedeutung).

Die Naturwissenschaft verliert ihre Aufgabe, Garant für Letztbegründung und Sinn zu sein. Es gibt keine Letztbegründung. Es gibt nur vernünftig begründete Selbstgewissheit. Diese aber ist – wie auch der Sinn – Teil des menschlichen Wesens und kein aus einem formalen System ableitbares Element.

Der Unterschied zwischen Erster und Zweiter Aufklärung ist am besten verständlich, wenn Aufklärung als Emanzipation verstanden wird.

Erste Aufklärung bedeutet dann:

Emanzipation mit unzureichenden Mitteln: Für das Erreichen der hochgesteckten Ziele sind die Beschreibungs­modelle ungeeignet.

Blindheit gegenüber den Grenzen des Machbaren.

Ausbeutung und Zerstörung aller Objekte, seien es nun materielle oder geistige Ressourcen oder Lebewesen.

Keine wirkliche Emanzipation – die Heilserwartung wird bloß von der Religion auf die Wissenschaft übertragen.

Zweite Aufklärung dagegen heißt:

Erkennen der prinzipiellen Beschränktheit jeder formalen Weltbeschreibung; Naturwissenschaft und Technik sind wunderbare Errungenschaften im Dienst des Menschen, sie machen ihn aber nicht verfügbar. Sein Wesen ist nicht in der naturwissenschaftlichen Beschreibung enthalten.

Die Kategorie "Objekt" tritt gegenüber der Kategorie "Beziehung" in den Hintergrund. Nichts wird als bloßes Objekt verstanden. Alles steht in komplexen Zusammenhängen, die auch insgesamt keiner vollständigen, objekthaften Beschreibung zugänglich sind.

Wirkliche Emanzipation – in dem Sinn, dass alle Transzendenz zur Immanenz wird: Kein absoluter Bezugspunkt (wie etwa Gott oder die ultimative physikalische Theorie) gibt den Maßstab des Wahren, Guten und Schönen, es muss durch uns selbst immer wieder bestimmt werden. Diese Bestimmung ist erst jetzt – durch das Wissen, das im Zuge der Ersten Aufklärung gewonnen worden ist – in einem Maß möglich, das die Emanzipation, der die Aufklärung immer schon verpflichtet war, auch tatsächlich erreichbar erscheinen lässt.

Pandämonium

Kürzlich erst traf der gefeierte abstrakte Maler F. den malenden Gorilla Susi, von dem sich bekanntlich einige der hervorragendsten Kunstkritiker die Erneuerung der Postmoderne erhoffen. Die Begegnung der beiden Künstler soll außerordentlich fruchtbar gewesen sein. Noch am selben Tag gelang es dem unvergleichlichen Aktionisten N., nach tiefer Meditation und Versenkung in alte Mysterien, ein Gebilde von solch majestätischer Erhabenheit zu scheißen, dass viele Betrachter – darunter etliche Politiker – spontan auf die Knie fielen und in Tränen ausbrachen.

Just zur selben Zeit suchte der berühmte Physiker D. den Schamanen Trächtige Wolke auf, um die Reduktion der Wellenfunktion mit dessen Traum vom All-erschaffenden Blick des weißen Vogels zu vergleichen sowie Beziehungen herzustellen zwischen dem physikalischen Konzept der Zeitreisen durch Wurmlöcher und dem damit eng verwandten schamanischen Konzept der Aufhebung der Zeit durch Alkohol und andere Drogen. Ebenfalls gleichzeitig erlangte der Physiker H., vormals einer der bekanntesten String-Theoretiker, nach einer dreijährigen Zeit des Leidens, in der er sich einsam und nackt auf einem Turm in Cambridge sitzend den Hintern bis zum Steißbein durchgescheuert hatte, endlich Satori – er erkannte, dass die ultimative Theorie von Allem unsagbar sei, weil das Tao, das gesagt werden kann, niemals das wahre Tao ist.

Weitere erstaunliche Ereignisse folgten unmittelbar: Das von dem Genetiker A. erschaffene, genetisch optimierte Schaf Kitty erklärte, es sei viel intelligenter als sein Schöpfer und übernehme jetzt dessen Job, der Hirnforscher R. beteuerte händeringend, nicht er selbst rede Unsinn, er sei bloß das ohnmächtige Sprachrohr seiner Neurone, der Born Again Prediger Q. kündigte den Zeitpunkt des Weltuntergangs auf eine millionstel Sekunde genau an (in Jerusalemer Ortszeit natürlich), und der Philosoph S. betonte, es handle sich bei alldem um überaus wichtige Angelegenheiten, die genau überwacht werden müssten.

Nicht unmittelbar Zeuge dieser außerordentlichen Vorkommnisse gewesen zu sein bedaure ich umso mehr, als deren zeitliche Koinzidenz ja keineswegs als zufällig aufgefasst werden kann, sondern dem vermittelnden Wirken jenes morphogenetischen Feldes zugeschrieben werden muss, das die in letzter Zeit so intensiv spürbare kosmische Spannung verursacht. Kein Zweifel, dass der lang erwartete Bewusstseinssprung der Menschheit bevorsteht!

Wohin wird er uns führen?

Verehrter Leser! – Sie von diesen intellektuellen Gipfeln auf der Höhe der Zeit, wo ich Sie atemlos anteilnehmend vermute, in die Niederungen der einfachen Vernunft herabzulocken – die so lang verschwunden war und hier wieder aufersteht – würde ich nicht wagen, wäre nicht die Ernte so überwältigend reich. Verantwortungslos aber wäre es, Sie nicht zu warnen, denn mit der Vernunft verhält es sich wie mit anderen starken Drogen: unvorbereitet in zu hoher Dosis genossen führt sie leicht zu Beschwerden, zum Schock oder gar zum Tod durch Gedankenstillstand – besonders nach einer so langen Zeit der Enthaltsamkeit.

Ist die Welt
nichtlokal?